Letzten Sonntag gönnte ich mir einen ganztägigen Meditationskurs. Das Besondere an diesem Kurs war, dass er mehrheitlich im Schweigen stattfand. Unsere Lehrerin gab zwar hin und wieder Anregungen, doch wir Teilnehmer übten uns in der Stille mit der Idee, nach innen zu schauen und zu empfangen, was sich da gerade alles so abspielt. Der Kurs war so aufgebaut, dass sich Sitz- und Gehmeditation jeweils immer abwechselten.

Unsere Lehrerin gab uns vor jeder Sitz- oder Gehmeditation verschiedene Impulse, die rein praktischer Natur waren, aber auch dazu anregten, den eigenen Blickwinkel zu ändern. Eine Aussage fesselte meine Aufmerksamkeit besonders. „Das wirklich Essenzielle ist, dass wir uns immer wieder aufs Neue vom Leben berühren lassen“. Vom Leben berühren lassen. Mit all unseren Sinnen.

Lassen wir uns vom Leben berühren? In all seinen Facetten?

Natürlich hat diese Aussage grossen Interpretationsspielraum. Schnell kann es in die spirituelle oder esoterische Schublade gesteckt werden. Was durchaus seine Berechtigung hat. Doch ich sah vor allem die Praktikabilität, die in dieser Aussage steckte. Sind wir mal ehrlich. Lassen wir uns vom Leben berühren? In all seinen Facetten? Mit all seinen Höhen und Tiefen? Wie würde sich dann unser Leben anfühlen? Einfach. Schön. Facettenreich. Bunt. Intensiv. Erfüllend. Bereichernd. Liebend. Wertschätzend. Richtungsweisend. Hoffnungsvoll. Zuversichtlich. Befreiend. Frei. Verbunden. Natürlich. 

Und? Wie fühlt sich unser Alltag nun an? Oftmals sind wir gefangen in einem Zustand voller Bewältigungsstrategien. Diese haben wir uns bereits frühzeitig angeeignet und sind auf Knopfdruck sofort abrufbar – ohne darüber nachzudenken. Ganz unbewusst. Wir treten automatisch in Aktionismus, ohne das wir uns darüber im Klaren sind. Gönnen wir uns dann eine Pause und stellen unseren Modus auf Empfangen, dann lassen wir uns von aussen stimulieren. Oder vielleicht ist „berieseln“ das bessere Wort?

Während ich in meinem Kurs so da sass, beobachtete ich, wie gross der innere Dialog ist. So viele Stimmen und Meinungen. Und plötzlich erschien die Frage: Lasse ich mich von meinem Leben wirklich berühren?

Die Einfachheit, die das Leben so wertvoll macht.

Ja und Nein. Es ist ein Drahtseilakt. Teils gelingt es mir, mich immer wieder in den gegenwärtigen Moment zu holen und im Fluss des Lebens mit zu schwimmen. In diesen Momenten erkenne ich die Einfachheit, die das Leben so wertvoll macht. Und dann schlüpfe ich wieder in das Gewand meiner Sorgen, Ängste & Verzettelungen, die eher kontraproduktiv wirken. Eingehüllt in Themen, die mich stressen. Und die ein konkretes Hinschauen verlangen (dazu habe ich mir hier bereits ein paar Gedanken gemacht).

Es ist ein Prozess, ein lebenslanger Begleiter. Und es erfordert Geduld und Offenheit, sich immer wieder darauf einzulassen, einen Schritt langsamer zu gehen und das Leben in seiner Breite einzuladen. Insbesondere, wenn es sich in dem Augenblick nicht gut anfühlt.

Dennoch glaube ich, dass es sich lohnt: sich immer wieder berühren zu lassen. Das Leben willkommen zu heissen. Gemütlich bei einer Tasse Tee. Gemeinsam Tee trinken in einer offenen und neugierigen Haltung. Egal, wie es sich in diesem Moment präsentiert. Genauso wie ich mit einer guten Freundin eine Tasse Tee trinke.

Oder wie siehst du das?

Karolin