Rückblickend erlebte ich während meiner Zeit im Angestelltenverhältnis kontinuierlich Stress. Es war nicht sichtbar für mich. Und doch allgegenwärtig. In Zeiten, wo das Leisten, das Optimieren, das effizienter Arbeiten und das „Busy sein“ in unserer Gesellschaft so gelebt wird. Im Sog der Geschäftigkeit und des Sendens. Und erst nach meinem Erschöpfungssyndrom wurde das Ausmass der Komplexität der Stressauslöser sichtbar und ich schaute erstmals konkret hin.

Stress hängt davon ab, wie wir die Situation bewerten und bewältigen. Wie wir mit dem Stressauslöser in Beziehung treten.

Der bekannte und bereits verstorbene Stressforscher Richard Lazarus betrachtete in seinem Konzept von Stress ein psychologisches Phänomen, welches als Transaktion zwischen Mensch und Umwelt gesehen werden kann. Dabei definiert er Stress als eine »Beziehung bestimmter Art zwischen der Umwelt und einer Person, die in der Bewertung durch diese Person, deren Ressourcen übermässig beansprucht oder übersteigt oder sie in ihrem Wohlergehen bedroht« (1). Mit diesem Ansatz war Richard Lazarus einer der ersten, der Stress nicht als ein objektives sondern als ein subjektives, persönliches empfundenes Phänomen betrachtete.

Unser Stress ist vielschichtig und komplex. Es ist die Art wie wir mit unseren Problemen umgehen, welche Sichtweise wir zu ihnen haben, wie wir sie bewerten und letztendlich wie stark sie uns belasten. Dennoch zeigt das Konzept von Richard Lazarus auf, dass wir einen viel grösseren Einfluss auf unsere Stressauslöser haben, als wir denken. Natürlich gibt es in unserem Alltag viele Stressoren, die wir nicht kontrollieren können. Trotzdem besteht die Möglichkeit unsere Perspektive zu ändern und dem Stressor gegenüber eine andere Haltung einzunehmen. Somit können wir das Ausmass beeinflussen, wie unsere eigenen Ressourcen beansprucht werden (2).

Wenn wir gestresst sind, passiert es schnell, dass wir „reaktiv“ handeln. Unsere Gefühle und Emotionen überfordern uns und zack, schon ist der Autopilot angeknipst. Wir reagieren aus einer Verletztheit oder Überforderung heraus. Es sind dann oftmals Strategien aus der Kindheit, die wir kopiert haben und die nur allzu häufig seine Anwendung im Erwachsenenalter finden. Oftmals sind es dann auch ungünstige Bewältigungsstrategien, die wir nutzen, um innerlich mit der Problematik zurecht zu kommen. Wie z.B. die Flucht in die Arbeit um sich abzulenken, übermässiges Essen, Hyperaktivität oder regelmässiger Konsum von Suchtmitteln. Diese Bewältigungsstrategien können uns auf die Dauer schaden und tragen dazu bei, dass wir uns von uns selbst abkapseln. Und wenn wir uns über längeren Zeitraum in einem Stresszustand befinden, sind unsere emotionalen und kognitiven Ressourcen irgendwann so aufgebraucht, dass wir in einem Erschöpfungszustand landen – gefangen in der eigenen Stressreaktion.

Wir haben die Wahl.

Die gute Nachricht dabei ist, dass wir selbst und zu jedem Zeitpunkt die Wahl haben, etwas daran zu ändern. In jeder Situation können wir entscheiden, wie wir damit umgehen. Das klingt plausibel, aber ist in der Umsetzung nicht einfach. Es erfordert viel Mut, Offenheit und Toleranz sich selbst gegenüber, sich diesem ganzen internen Dialog hinzuwenden. Denn dieser ist häufig mit Urteilen, Bewertungen, Vorwürfen, Härte und vielleicht auch Hass bestückt. Doch was passiert, wenn wir dem Dialog den Raum geben und uns diesem liebevoll zuwenden? Es ist dann ein Gefühl der Verbundenheit, das entsteht. Das so kraftvoll ist. Das uns Halt gibt. Und das uns signalisiert: »Kopf hoch, das machst du alles wunderbar, du bist wunderbar, du gibst dein Bestes«. Und das uns zeigt, welchen Schritt wir als Nächstes gehen, um uns ein kleines bisschen besser zu fühlen.

Karolin

(1) Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation: S. 387

(2) Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation: S. 389